nachhaltiges_verpackungsdesign

Dr. Alexandra Hildebrandt zum Thema nachhaltiges Verpackungsdesign

Dr. Alexandra Hildebrandt ist Publizistin, Nachhaltigkeitsexpertin und Wirtschaftspsychologin. Sie schreibt regelmäßig für die Huffington Post und ist u. a. Mitinitiatorin der Initiative Gesichter der Nachhaltigkeit. Im Verlag Springer Gabler gab sie in der Managementreihe Corporate Social Responsibility die Bände „CSR und Sportmanagement“ (2014), „CSR und Energiewirtschaft“ (2015) und „CSR und Digitalisierung“ (2017) heraus.

 

Circular Thinking – Circular Economy

Die Entwicklungen in der globalen Verpackungsindustrie könnten bald positive Auswirkungen auf die Lukrativität des lokalen Recyclings haben. Allerdings müssten Produkte dann so designt werden, dass ihre Bestandteile leichter wiederzuverwerten sind. Die Materialkosten bei der Herstellung von Verpackungen machen etwa 80 Prozent der gesamten Produktionskosten aus. Damit ist die Verwertung der Produktionsabfälle, die bis zu 30 Prozent betragen können, entscheidend für eine wirtschaftliche Verpackungsherstellung. Verpackungsmaterialien sollen die Haltbarkeit der Produkte verlängern, sie besser schützen sowie transparenter über Haltbarkeit und Qualitätszustand informieren und die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft berücksichtigen. Je leichter und nachhaltiger Verpackungen sein sollen, desto schwerer wird die Aufgabe für Designer und Techniker.

 

Was meint Nachhaltigkeit überhaupt?

Was meint Nachhaltigkeit überhaupt?

Wenn wir einen Blick in die vorhandenen Definitionen werfen, wird eines deutlich: eine allgemeingültige Begriffsdefinition gibt es nicht. Der Begriff „Nachhaltigkeit“ kann nicht mittels einer einfachen Definition umfassend und zutreffend erklärt werden. Vielmehr ist der Nachhaltigkeitsbegriff die Summe zahlreicher Definitionsansätze, welche die unterschiedlichen Elemente der Nachhaltigkeit berücksichtigen und die Aufschluss über die charakteristischen Kernelemente in Sachen Nachhaltigkeit geben.

In der Definition der intergenerativen ökologischen Gerechtigkeit (Generationengerechtigkeit) prägte die Brundtland-Kommission 1987 das Verständnis von Nachhaltigkeit wie folgt: „Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Demnach wird die Nachhaltigkeit als eine Art Entwicklung beschrieben, die sowohl auf die Gegenwart als auch auf die Zukunft ausgerichtet ist. „Zusammengefasst kann Nachhaltigkeit somit als eine Form des ökologischen und ökonomischen Handelns verstanden werden, die gegenwärtigen und zukünftigen Generationen vergleichbare oder bessere Lebensbedingungen sichern soll, indem das dazu notwendige Element sorgsame Anwendung findet und entsprechend geschützt wird. Im Zentrum der Nachhaltigkeit stehen Umwelt, wirtschaftliche und soziale Aspekte.“

 

Was macht eine nachhaltige Verpackung aus?

Was macht eine nachhaltige Verpackung aus?

Eine nachhaltige Verpackung sollte

  • sortenrein trennbar sein,
  • recycelbar und funktional sein,
  • aus erneuerbarem sowie möglichst leichtem Material bestehen,
  • einen geringen ökologischen Fußabdruck haben,
  • biologisch abbaubar oder kompostierbar sein,
  • wichtige Hintergrundinformationen enthalten,
  • ein unverwechselbares Design haben.

Vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung von nachhaltigen Produkten wird heute mehr denn je auf umweltverträgliche und praktische Verpackungen gesetzt. Die ersten muteten noch schlicht und traurig an, waren mit zurückhaltenden Farben gestaltet. Danach wurden sie immer ansprechender, wie auch die weiter unten angeführten Beispiele in diesem Beitrag belegen.

Ein ganz klassisches Beispiel für ein nachhaltiges Produkt, ist die „memo Box”, ein Mehrweg-Versandsystem, womit die memo AG ökologische Maßstäbe setzt. Kunden erhalten damit die Möglichkeit, sich ihre Waren ohne Aufpreis in den stabilen, grünen Boxen zusenden zu lassen. Um die Umweltauswirkungen des Mehrweg-Versandsystems weiter zu minimieren, wird sie seit Herbst 2016 aus dem Recyclingkunststoff Procyclen, der aus Kunststoffabfällen besteht, produziert. Dadurch werden die Treibhausgasemissionen bei der Herstellung der Box um bis zu 30 % verringert. Deshalb und weil sie durch ihre mehrfache Wiederverwendung wertvolle Ressourcen schont, wurde die „memo Box“ auch mit dem Blauen Engel ausgezeichnet.

 

Das Design als Vorbote des Inhalts

Das Design als Vorbote des Inhalts

Design darf nicht mehr und nicht weniger versprechen, als der Inhalt zu bieten hat. Für einen guten Designer gibt es nichts, das einfach so auf der Verpackung steht – alles hat eine Beziehung und Bedeutung. Verpackungsdesigner und Künstler wie Andreas Gratze, der die Handschrift der Zotter-Schokoladen prägte, reagieren mit ihrem Design beispielsweise auf Umwelt- und Wirtschaftsentwicklungen. Gratzes Devise lautet: „Wir sind, wer wir sind, weil wir nicht versucht haben, anders zu sein.“ Viele Verpackungen sehen heute gleich aus – ihre Macher kopieren sich ständig gegenseitig und wollen auf Nummer sicher gehen. Dabei vergeben sie gleichzeitig wichtige Chancen, um auf sich und ihre Botschaft aufmerksam zu machen.

Beim Verpackungsdesign wurde nie aufgehört mit Zeichnungen und Grafiken zu arbeiten – zeitweise sind sie zugunsten von Fotos ins Hintertreffen geraten. Heute scheinen sie auf ihren angestammten Platz zurückzukehren. Sie sind ein ideales Mittel für Humor oder Karikaturen, werden aber auch dekorativ eingesetzt oder vermitteln bestimmte Stimmungen.

 

Nachhaltigkeit zum Anfassen

Im Folgenden möchte ich Ihnen ein paar Beispiele geben, bei denen es gelungen ist, den nachhaltigen Aspekt gleichzeitig mit der Ästhetik der Verpackung zu vereinen.

Wein Tyto Alba

Wein Tyto Alba

„Companhia das Lezirias“ unterstützt aktiv ökologische Forschungen. Dazu gehört auch das Projekt „Tyto Tagus“, das sich um die Verteilung von Nistkästen für Schleiereulen in den Wäldern Portugals kümmert. Diese Region beherbergt die größte bekannte Schleiereulenpopulation der Welt, was sie zum idealen Symbol für dieses Weingut macht. Das Eulengesicht auf dem Etikett schaut den Konsumenten als „Gesicht“ des Weins (Tyto Alba) direkt an. Der traditionelle Holzkasten für Weine wurde so modifiziert, dass er im Garten tatsächlich als Nistkasten aufgehängt werden kann.

Segeltuchtasche von Fengfan Farm Products

Fengfan Farm Products befindet sich in Jintan, einem Dorf südlich in China. Das Wort „Fülle“ klingt in Mandarin so wie „Fisch“ – deshalb wünschen sich die Menschen als Segensgruß „Fisch das ganze Jahr“. Dieser Aspekt findet sich auch in einem neuen Design, das mit Idee kombiniert wurde, einen 10-kg-Reisbeutel tragen und wieder verwenden zu können. Dessen Segeltuchtasche ist geformt wie ein doppelter Fisch. Die Siebdruckgrafik in der Außenfront verweist auf den Inhalt.

Tafelwasser Ramlösa

Tafelwasser Ramlösa

Das Tafelwasser „Ramlösa“ stammt aus einer zertifizierten schwedischen Quelle, die 1707 entdeckt wurde. Mittlerweile wird die weltweit bekannte Marke auch in exklusiven Restaurants, Tagungsorten, bei IKEA und in Nightclubs angeboten. Dazu brauchte es eine Premiumverpackung, um sich von der PET-Standardflasche im Einzelhandel abzuheben. Die Form und Prägung sind alten Kristallgläsern nachempfunden.

Olivenöl Gino‘s Garden

Olivenöl Gino‘s Garden

Das biologische Olivenöl „Gino‘s Garden“ stammt aus der Region Rihanch im Libanon. Jährlich wird nur eine geringe Menge produziert. Handgepflückt in einem Waldstück von Gino Haddad werden die Oliven zu einem Öl in feiner Qualität kalt gepresst. Um die biologischen Methoden und die limitierte Produktion zu verdeutlichen, wurden für die Flasche zwei verschiedene olivenförmige Varianten gestaltet. Für die Keramik nutzte man mathematische Techniken, um die unregelmäßige Form und Größe zu berechnen, die dann mit schwarzer Glanz- oder grüner Mattglasur produziert wurden.

 

Vita Dr. Alexadra Hildebrandt

Dr. Alexandra Hildebrandt studierte Literaturwissenschaft, Psychologie und Buchwissenschaft. Anschließend war sie viele Jahre in oberen Führungspositionen der Wirtschaft tätig. Bis 2009 arbeitete sie als Leiterin Gesellschaftspolitik und Kommunikation bei der KarstadtQuelle AG (Arcandor). Beim den Deutschen Fußball-Bund (DFB) war sie 2010 bis 2013 Mitglied der DFB-Kommission Nachhaltigkeit. Den Deutschen Industrie- und Handelskammertag unterstützte sie bei der Konzeption und Durchführung des Zertifikatslehrgangs „CSR-Manager (IHK)“.

 

Als weitere Lektüre zu diesem Thema empfehlen wir Ihnen unseren Magazinbeitrag Nachhaltigkeit und Design und Sustainable Design.

 

Literatur:
Alexandra Hildebrandt und Claudia Silber: Verpackt oder unverpackt? Warum Stoffkreisläufe eine Frage der Nachhaltigkeit sind. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2018
Jens Müller, Julius Wiedemann: Geschichte des Grafikdesigns. Band 1, 1890–1959. Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch. Taschen Verlag 2017.
Julius Wiedemann (Hrsg.) The Package Design Book. Taschen GmbH, Köln 2017.

Quellenangaben:
Zitat 1: https://www.bmz.de/de/ministerium/ziele/2030_agenda/historie/rio_plus20/index.html, 22.2.2018
Zitat 2: https://www.nachhaltigkeit.info/artikel/definitionen_1382.htm, 22.2.2018

Headerbild:
FI iPad Sleeves (Auszeichnung Red Dot; Red Dot Award: Communication Design 2015), Finanzinformatik GmbH & Co. KG, Frankfurt/Main, Design: beierarbeit GmbH, Bielefeld

Veröffentlicht am 02.03.2018

Zur Übersicht
Top