Interview mit Roberta Bergmann – „Die Grundlagen des Gestaltens“

Interview mit Roberta Bergmann – „Die Grundlagen des Gestaltens“

Die Ansprache der unterschiedlichen Zielgruppen finden wir äußerst spannend und wollten deshalb von Frau Bergmann wissen, woher die Idee zu ihrem ersten Sachbuch stammt, welche der vorgestellten Methoden sie persönlich bei ihrer kreativen Arbeit anwendet, wie sie ihr helfen und warum Laien keine Scheu haben sollten, dieses Buch als Praxisleitfaden zu verstehen. Lesen Sie selbst!

Die Grundlagen des Gestaltens

Red Dot 21 (1): Zuletzt haben Sie u. a. das Kinderbuch mit dem lustigen Titel „Als der Affe die Banane warf und 25 Tiere traf“ illustriert. In dem Buch „Die Grundlagen des Gestaltens“ widmen Sie sich nun einem Sachthema. Wie passt das zusammen? Was hat Sie dazu bewegt jetzt ein Grundlagenbuch zu gestalten, das den Lesern die Gestaltung näher bringen soll?

Frau Roberta Bergmann: Ich habe Grafikdesign mit den Schwerpunkten Illustration und Buchgestaltung studiert. Nach dem Studium habe ich mich dann als Illustratorin und Buchgestalterin in Braunschweig selbstständig gemacht. Anfangs hatte ich eigene, freie Buchprojekte in Kleinstauflagen bei meinem Label „Tatendrang-Design“ selbst publiziert, gleichzeitig fing ich an, diese und weitere freie Buchkonzepte auch Verlagen auf der Buchmesse anzubieten. Schon während meines Studiums konnte ich als Buchgestalterin tätig sein. So bin ich langsam in die Verlagsbranche hinein gewachsen.

Die Idee zu dem Bilderbuch „Als der Affe die Banane warf und 25 Tiere traf“ entstand bereits vor etwa 8 Jahren. 2015 wurde es dann beim kunstanstifter verlag verlegt. Vor etwa 9 Jahren habe ich angefangen, in der Lehre tätig zu sein. Ich war allein sechs Jahre an einer Kunsthochschule angestellt, zwei Jahre davon Vollzeit als Professorin für Gestaltungsgrundlagen. Zu dieser Zeit entstand die Idee, ein gutes Grundlagenbuch zu schreiben, ein Nachschlagewerk und Kompendium, denn das hatte ich bisher vermisst. Da die Gestaltungsgrundlagen aus vielen verschiedenen Einzeldisziplinen bestehen, gibt es zwar viele fachspezifische Bücher, die die Einzeldisziplinen beschreiben, aber keine umfassende Sammlung aller Aspekte des Gestaltens in einem Buch. Eine weitere Lücke bestand meines Erachtens in einer Sammlung von praktischen Übungsaufgaben. So etwas gab es nicht. Und genau da sah ich den Bedarf, sowohl von lernender Seite (Schüler, Berufsschüler, Studierende) als auch von der Seite der Lehrenden (Kunstlehrer, Berufsschullehrer, Hochschullehrer). Mein Buch ist ja vor allem eine Sammlung von 50 praktischen Aufgaben zum Thema Gestaltung.

Red Dot 21 (2): „Die Grundlagen des Gestaltens“ soll gleichermaßen Schüler, Studenten und Lehrende ansprechen, aber auch Laien. Warum denken Sie, sollten auch Laien Ihr Buch kaufen, die keine Vorkenntnisse haben?

Frau Roberta Bergmann: Alle (noch) Laien, die sich für Gestaltung interessieren, können sich mit meinem Buch einen ersten Überblick über die Thematik „Gestaltung“ verschaffen. Es setzt also ein Grundinteresse an der Thematik voraus! Sollte der Leser also interessiert sein und schließlich Blut geleckt haben, kann er das Buch nutzen, um selbst aktiv zu werden. In 50 Aufgaben kann er sich ausprobieren und herausfinden, ob und was ihm am Thema Gestaltung reizt und vielleicht als Ergebnis z. B. eine Mappe (Sammlung von gestalterischen Arbeiten) anfertigen, um sich weiter zu professionalisieren (und z.B. an einer Gestaltungsschule zu bewerben). Die Aufgaben in meinem Buch sind nach Schwierigkeitsgrad definiert, so kann man als Laie mit einer einfachen Aufgabe starten und sich langsam in der Schwierigkeit und Komplexität steigern. Das ist fast wie ein kleines Selbststudium.

Red Dot 21 (3): Immer mehr Privatpersonen haben Spaß an der Gestaltung digitaler Inhalte, inwieweit behandelt Ihr Buch diese Thematik?

Frau Roberta Bergmann: Ich würde mir wünschen, dass alle, die mein Buch lesen, – also auch das Laienpublikum, dass gerne digitale Inhalte gestaltet –, ein Gefühl für „gute Gestaltung“ entwickelt und ein bisschen für die Thematik sensibilisiert wird. Dabei unterscheide ich nicht zwischen analogen oder digitalen Inhalten. Ich spreche im Kapitel „Sehen lernen“ von „den Besonderheiten des Wahrnehmens als Gestalter“, also der Herausbildung und Entwicklung einer visuellen Kompetenz, wenn man so möchte. Diese erlangt man vor allem mit einer ordentlichen Ausbildung. Einen ersten Eindruck davon kann man aber bereits mit meinem Buch bekommen: Ich zeige in über 700 Abbildungen viele Beispiele in „Die Grundlagen des Gestaltens“. Das ist nicht wenig, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, was Gestaltung alles sein kann und was man alles gestalten kann. Die Gestaltung digitaler Inhalte steht in meinem Buch nicht im Vordergrund. Meine Überzeugung ist, dass man Gestaltungsgrundlagen hervorragend verstehen lernt, wenn man im ersten Schritt analog arbeitet. Die Gestaltung digitaler Inhalte kann man im zweiten Schritt mehr oder weniger aus dem analogen Arbeiten ableiten. Klar, gibt es gewisse Regeln, die nur für digitale Inhalte und Medien gelten und umgekehrt. Aber dies in meinem Buch aufzuschlüsseln und zu unterscheiden, war gar nicht meine Intension und führt auch schon zu weit. Das Buch ist eher eine Einführung in das Thema und geht thematisch in die Breite und weniger in die Tiefe.

Red Dot 21 (4): Woher nehmen Sie die Ideen für Ihre Bücher?

Frau Roberta Bergmann: Die Ideen zu meinen Büchern kommen aus mir heraus. Meistens schreibe ich sie, weil ich genauso ein Buch gern lesen und anschauen wollen würde. Im besten Falle stimmen meine Ideen mit den Zielen der Verlage (und der anzusprechenden Zielgruppen) überein. Es macht natürlich keinen Sinn ein Buch zu machen, für das es keinen Leser und Markt gibt. Das habe ich in meiner mehr als zehnjährigen Berufspraxis gelernt.
Ich spreche auch viel mit Verlagen, was sie gern im Sortiment hätten und was es für Themen gäbe, zu denen man gemeinsam ein Buch entwickeln könnte. Ich informiere mich auf Buchmessen über die Trends bzw. schaue dort, was Trends werden könnten.

Grundvoraussetzung ist aber immer, dass ich mit dem Buchprojekt etwas anfangen kann, dazu etwas zu sagen oder zu zeichnen habe, denn sonst kann ich es nicht machen und ich wäre auch nicht die richtige Person dafür. Auch wäre es schade um die „verlorene“ Zeit, denn der Prozess ein Buch zu schreiben, ist relativ lang. Ich habe wesentlich mehr Buchideen als Zeit, diese umzusetzen, deshalb muss ich Prioritäten setzen. Das finde ich persönlich sehr schade, denn ich wünschte ich könnte noch schneller und parallel an vielen verschiedenen Büchern arbeiten, gern auch aus den unterschiedlichsten Genres.

Red Dot 21 (5): Was denken Sie, sind die wichtigsten Voraussetzungen, die jemand mitbringen sollte, der auf beruflicher Ebene eine gestalterische Tätigkeit ausüben möchte?

Frau Roberta Bergmann: Das finde ich eine schwierig zu beantwortende Frage, weil man „gestalterische Tätigkeit“ soweit fassen kann und es so viele verschiedene Tätigkeitsfelder für das Berufsbild des Gestalters gibt und dieses Berufsbild auch einem stetigen Wandel unterliegt.

Außerdem setzt sich das Berufsbild des Gestalters aus unterschiedlichen Kompetenzen zusammen: Es braucht eine Mischung aus sozialer und individueller Kompetenz plus einer, sich über Ausbildung oder/und Erfahrung angeeigneten, Methodenkompetenz. Voraussetzungen sind also z. B., dass man sich für die gesellschaftlichen Fragen interessiert, mit anderen respektvoll zusammenarbeiten kann, den Austausch sucht, eine gewisse Offenheit und Neugierde besitzt, die Bereitschaft zum stetigen Lernen hat, etwas kommunizieren möchte und mit bestimmten Skills, Methoden und Werkzeugen dies auch professionell umsetzen kann. Und eine, wenn nicht die wichtigste, Grundvoraussetzung für jedem Beruf, den man gut machen möchte, ist meines Erachtens eine gute Portion Leidenschaft für das, was man tut!

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Red Dot 21 (6): In Ihrem Buch stellen Sie Methoden vor, die dabei helfen den gestalterischen Alltag effizient zu bewerkstelligen. Nennen und erläutern Sie uns bitte kurz eine Methode anhand eines praktischen Anwendungsbeispiels aus Ihrem Arbeitsalltag

Frau Roberta Bergmann: Da gibt es zum Beispiel die BANJO-Methode von dem Autor Roger Black. BANJO steht für Bang A Nasty Job Off. Es geht darum, dass man eine Aufgabe, die einem am unangenehmsten erscheint, nicht aufschiebt, sondern sofort erledigt, um dann den Kopf freizuhaben. In der Realität sieht es aber meistens so aus: Statt die Aufgabe pragmatisch zu erledigen, lässt man sie liegen. Bei vielen Menschen, mich eingeschlossen, ist es dann so, dass man automatisch zu Übersprunghandlungen oder gar Prokrastination neigt, anstatt die Aufgabe einfach schnellstmöglich zu erledigen und abzuhaken. Meistens nehmen diese Aufgaben tatsächlich weniger Zeit bei ihrer Erledigung in Anspruch, als das vorab Grübeln und nicht erledigen dieser. Und wenn man es dann geschafft hat, fragt man sich, warum man sich vorab so lange gequält hat, bevor man sie erledigt hat.

Um zurück zu Ihrer Frage zu kommen: Ich versuche solche unangenehmen Aufgaben an den Anfang meines beruflichen Tages zu setzen, um sie hinter mir zu haben. Dabei hilft mir auch eine To-Do-Liste, die ich mir am Tag vorher schreibe, mit einem ungefähren zeitlichen Ablauf und somit auch einer Reihenfolge, was ich am nächsten Tag abarbeiten möchte. So plane ich bestenfalls meine ganze Arbeitswoche. Gerade wenn man selbständig ist, braucht man eine Struktur, an der man sich abarbeiten kann, finde ich, gerade weil es keinen Chef gibt, der einem die Aufgaben auf den Tisch legt und sagt, wie er es gern hätte und wann man fertig sein muss.

Red Dot 21 (7): Welche Methode hilft Ihnen persönlich am meisten, wenn Sie vor einem „weißen Blatt“ sitzen und Ihnen partout nichts einfällt?

Frau Roberta Bergmann: Den „Horror Vacui“-Effekt, die Angst vor dem weißen Blatt, kenne ich tatsächlich sehr gut aus eigener Erfahrung. Anfangen ist nicht immer leicht, obwohl man vor Ideen strotzt. Ein Anfang gibt eine Richtung vor und die Angst ist, dass es die falsche Richtung nehmen könnte oder dass ich gleich zu Beginn versage und alles schlecht ist, was ich aufs Blatt bringe. Das ist natürlich Quatsch, und ich müsste es aus der Erfahrung besser wissen. Dennoch ist es so. Ich habe einfach Respekt vor der neuen Aufgabe und Herausforderung. Doch das ist ja auch etwas Gutes, denn es lässt mich sensibilisiert auf das Thema schauen und ganz bewusst eine Entscheidung treffen, eine Entscheidung, die ich durchaus im Prozess revidieren und ändern darf. Mit dem Wissen, dass das der Prozess ist, kann ich die Zeit, in der das Blatt weiß bleibt, verkürzen. Ein Trick ist außerdem noch, sich selbst zu sagen: „Ich mach jetzt einfach irgendwas, um anzufangen. Es ist egal, wenn es nichts wird. Dann werfe ich es eben weg!“ Damit ist die erste Angst genommen, denn man hat angefangen.

Red Dot 21 (8): Welche der im Buch vorgestellten Themenbereiche „Komposition, Zeichnen und Fotografie“ fasziniert Sie am meisten und warum?

Frau Roberta Bergmann: Es gibt Bereiche des Gestaltens, die liegen mir mehr und andere, die liegen mir weniger. Ich denke, das geht den meisten so. Nur wenige sind Generalisten und können alles gleich gut und machen alles gleich gern. Dennoch liegt die Herausforderung gerade darin, keine Angst vor Diversität zu haben und alles einmal auszuprobieren. Die Spezialisierung erfolgt, wenn man die Grundlagen verinnerlicht hat. Daher kann ich nicht sagen, was mich am meisten fasziniert. Ich kann nur sagen, was mir am meisten liegt und das ist sicherlich das, was ich auch schwerpunktmäßig studiert habe und nun in meiner Berufspraxis tagtäglich gern anwende: Illustration, Layout, Komposition, Fotografie und Methodenlehre.

Red Dot 21 (9): Auf welche Hilfsmittel können Sie bei Ihrer gestalterischen Arbeit auf keinen Fall verzichten?

Frau Roberta Bergmann: Ganz klar: Auf den Computer kann ich nicht verzichten. Er ist das wichtigste Werkzeug für mich. Auch wenn ich teilweise analog arbeite (Illustrationen entstehen oft aus einer Mischung aus analogen Zeichnungen und dem digitalen Einfärben und weiter bearbeiten, geht es ohne Computer und Software nicht. Früher ging es definitiv ohne Internet. Aber heute möchte ich auf eine Internetverbindung nicht mehr verzichten. Das macht alle Prozesse so viel schneller, egal ob Recherche oder Kommunikation und Datentransfer mit dem Auftraggeber. Ansonsten habe ich in jeder Situation etwas zum Notieren und Skizzieren dabei (sei es Stift und Papier oder mein Smartphone).

Red Dot 21 (10): Im Bereich der Gestaltung gibt es viele kreative Köpfe. Nennen Sie uns Ihre Vorbilder (maximal drei) und versuchen Sie zu beschreiben, was genau Sie an deren Arbeit schätzen.

Frau Roberta Bergmann: Das ist schwer für mich: erstens, weil es so viele gute Leute gibt und der Bereich Gestaltung so groß ist, zum anderen, weil ich kaum Vorbilder im klassischen Sinn habe. Ich betreibe da keinen Fan-Kult.

Wenn Sie mich zwingen würden, ein paar kreative Designköpfe zu nennen, die ich bewundere, für das was sie tun und wie sie es tun, fielen mir Patricia Urquiola und Stefan Sagmeister ein. Beide bestechen durch ihre außergewöhnlichen Ideen und Entwürfe und beeindrucken mich durch ihre konsequente und leidenschaftliche Arbeit und ihre Authentizität indem, was Sie schaffen. Und obwohl oder gerade weil sie so unangepasst sind und Vorreiter-Wirkung haben, sind sie damit zu Recht erfolgreich.

Veröffentlicht am 07.06.2017

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