Radikal anders: Ettore Sottsass

Radikal anders: Ettore Sottsass

Zum 100. Geburtstag des italienischen Designers und Architekten Ettore Sottsass veröffentlicht der Phaidon Verlag eine Neuauflage der beliebten Monografie in englischer Sprache. Sie spiegelt das Schaffen des Gestalters umfassend wider, der wie kein anderer für ein postmodernes Spiel mit Formen, Materialien und Farben steht. Der Verlag huldigt somit einem der unkonventionellsten Gestalter des 20. Jahrhunderts. Die Publikation ist damit eine ideale Ergänzung zu den zahlreichen Jubiläums-Ausstellungen, die sich mit dem Schaffen des Italieners auseinandersetzen und die Relevanz seiner Arbeiten unterstreichen. In Venedig waren Glas- und Keramik-Arbeiten zu sehen. Noch bis zum 24. September widmet sich das Vitra Design Museum in Weil am Rhein unter dem Titel „Rebell und Poet“ dem Designer. Und auch das Museum Met Breuer in New York präsentiert bis Oktober Arbeiten von Sottsass in der Ausstellung „Design Radical“.

 

Vom Architekten zum Industriedesigner

Bevor Ettore Sottsass (1917–2007) das Industriedesign revolutionierte, arbeite er zusammen mit seinem Vater als Architekt. Nachdem er 1939 sein Architekturstudium in Turin absolviert hatte, gestalteten sie gemeinsam im Geiste des Modernismus die italienischen Städte nach dem Zweiten Weltkrieg neu. Doch bereits während seiner anschließenden Tätigkeit bei dem Möbelhersteller Poltronova (ab 1957) kam sein Gespür für expressive Kombinationen von Farben und Strukturen zum Ausdruck, die später zum Markenzeichen seiner Designsprache werden sollten. Beispielsweise besticht das Sofa „Califfo“ von 1964 bereits durch seine Grün und Rosa gestreifte Polsterung, die im Kontrast zu dem reduzierten Holzgestell steht.

 

Hinwendung zum emotionalen Design und postmodernen Spiel

Zur Ikone ist die für Olivetti 1968 gestaltete Reiseschreibmaschine „Valentine“ geworden, die durch ihre unkonventionelle Form aus Kunststoff und die Farbe Rot zu einem Symbol der Pop-Kultur wurde. Sie gilt als Exempel für Sottsass Verständnis von emotionalem Design. Denn die Maschine sollte ein tröstender Begleiter in einsamen Stunden sein. Zu berühmten Nutzern gehörte unter anderem David Bowie, der auf seiner Olivetti zahlreiche Songs verfasst haben soll. Für Aufsehen sorgte Sottsass zudem als Mitglied der Design-Gruppe Memphis, die von 1981 bis 1988 bestand und moderne Designansprüche wie „form follows function“ über Bord geworfen hatte.

Im Vordergrund standen individuelle künstlerische Impulse und das Verständnis des Möbelstücks als Ikone, das einen hohen Widererkennungswert haben sollte. Herausgekommen waren grellbunte Möbel in grenzüberschreitenden Farb- und Form-Variationen, die sich einem anerkannten guten Geschmack der Hochkultur widersetzten. Produkte wie das Regal „Carlton“ riefen Kritiker und Bewunderer gleichermaßen auf den Plan. Zu letzteren gehörte Karl Lagerfeld, der sich sein Apartment in Monaco komplett von Memphis ausstatten ließ.

 

Sottsass wird als vielseitiger Gestalter dargestellt

Das Buch „Ettore Sottsass“ zeigt ihn als vielseiteigen Gestalter und präsentiert neben zahlreichen Fotos seiner Industriedesigns viele Skizzen und Entwürfe. Seine Arbeiten im Bereich Architektur und Grafikdesign werden ebenso dargestellt. Denn in den achtziger Jahren wendete sich Sottsass auch wieder vermehrt seinem ursprünglichen Beruf zu und schuf mit dem „Haus Wolf“ eine ebenso unkonventionelle Architektur: knallbunt, mit großen Balkonen und wie von einer verspielten Kinderhand zusammengesteckt. Seine Glas- und Keramikarbeiten machen seine Begeisterung für das Material und das lustvolle Spiel mit Farben ebenso deutlich wie für außereuropäische Kulturen, deren Relikte ihn für seine auffälligen Gestaltungen inspiriert haben. Unter den mehr als 800 Abbildungen finden sich ebenso zahlreiche biografische Fotografien sowie ein Essay des Herausgebers Philipp Thomé, der seine unterschiedlichen Schaffensperioden bis ins Jahr 2007 chronologisch beleuchtet. Fünf weitere Texte setzten sich fundiert mit den jeweiligen Design-Disziplinen auseinander.

Das 492 Seiten umfassende Buch bietet für Designbegeisterte und Fans von Sottsass die Gelegenheit, das Gesamtwerk und die Biografie des Italieners zu erkunden. Der übersichtliche Aufbau ermöglicht ist es dem Leser, der Chronologie des Buches zu folgen, oder einzelne Disziplinen und Perioden zu wählen. Im Gegensatz zu der vergriffenen ersten Edition ist die Neuauflage mit 75 Euro (Verlagspreis) zudem deutlich günstiger.

Ettore Sottsasss (New Edition)*

Veröffentlicht am 06.09.2017

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