Taschenrechner X Mark II – Phoenix aus der Asche

Taschenrechner X Mark II – Phoenix aus der Asche

„Die Rechenautomaten haben etwas von den Zauberern in Märchen. Sie geben einem wohl, was man sich wünscht, doch sagen sie einem nicht, was man sich wünschen soll.“

(Norbert Wiener, US-amerikanischer Mathematiker)

Seit Tausenden von Jahren zerbrechen sich die Menschen die Köpfe, wenn es darum geht, Zahlen im Kopf hin und her zu bewegen, in Relation zu stellen und einfache oder kompliziertere Gleichungen auszurechnen. Schwierig wird es vor allem dann, wenn mit Zwischenergebnissen weitergerechnet werden muss. Dementsprechend dankbar wurden zu jeder Zeit Ideen aufgenommen, die halfen, den Kopf beim Rechnen zu entlasten.

Wo die eigenen zehn Finger zum Rechnen nicht mehr ausreichten, halfen lange Abakus und Rechenschieber aus. Von den viel später entwickelten ersten Rechenmaschinen profitierte jedoch zunächst einmal nur eine Elite von Kaufleuten und Wissenschaftlern. Dementsprechend euphorisch reagierte die Öffentlichkeit, als in den 1970er Jahren die ersten Taschenrechner auf den Markt gebracht wurden, darunter der 1970 vorgestellte Pocketronic von Canon auf der Basis einer damals innovativen Mikrochip-Technologie von Texas Instruments. Dieser erste Taschenrechner, der für 400 US Dollar angeboten wurde, war eine Revolution – für heutige Verhältnisse mit etwa 10 x 20 x 5 cm riesig, und doch winzig im Vergleich zu den damaligen tischgroßen Rechnern mit ähnlicher Rechenleistung. Danach war der Siegeszug der Taschenrechner nicht mehr aufzuhalten. Es war, als hätten die Menschen nur auf ein solches Gerät gewartet: Innerhalb von fünf Jahren schrumpften die Rechner soweit, dass sie tatsächlich in die Brusttasche passten, und sie verkauften sich in den Folgejahren millionenfach für einen Bruchteil des ursprünglichen Preises. Der Rechner wird zum billigen Massenprodukt.

Heute, nicht einmal 50 Jahre später, wirkt der Taschenrechner wie ein Fossil, ein Relikt aus einer anderen Zeit. An jedem Büroarbeitsplatz und in jeder Wohnung steht ein Computer, der das Rechnen übernimmt. Ist man unterwegs, ruft man einfach die Taschenrechner-App des Smartphones auf. Das Rechenprogramm ist bei diesen Geräten nur ein winziger – wenn auch selbstverständlicher – Bestandteil des digitalen Gesamtpakets. Ein nettes und nützliches Gimmick. Genau hierin liegt jedoch auch die Schwäche dieser Anwendungen: Es gibt zu viel Drumherum und zu wenig Fokussierung – vor allem für diejenigen, die in Schule, Ausbildung oder Beruf wirklich rechnen müssen.

Taschenrechner wie der X Mark II sind das Gegenteil davon. Sie zwingen einen zumindest temporär dazu, sich zu ihrem Gebrauch von anderen Bildschirmen zu lösen. Ein Taschenrechner ist wie ein verlässlicher Monolith, ein kleiner Fels inmitten der aufbrandenden Informationsflut, auf den sich diejenigen gerne retten, die wirklich konzentriert ihre Gleichungen lösen müssen. Denn der Taschenrechner führt genau das aus, was von ihm gefordert wird. Nicht mehr und nicht weniger. Ohne zwischendurch Textnachrichten, Anrufe oder Updates anzukündigen.

Diese Konzentration auf seine primäre Funktion prägt auch das subtile Design des X Mark II. Er ist so minimalistisch und schlank wie möglich. Gleichzeitig sind elementare Bestandteile wie die 30 Tasten der homogenen Benutzeroberfläche genau so groß wie nötig, um sich optimal bedienen zu lassen. Generell spielt die Haptik und damit die Tastatur beim Taschenrechner eine wichtige Rolle – denn sie ist grundlegend für das Gefühl, etwas Solides in der Hand zu halten, das verlässlich arbeitet. Die Interaktion mit einem Taschenrechner, das schnelle, energische Drücken der Tasten, und dann das unmittelbar auf dem Display erscheinende Ergebnis – bei keinem anderen Gerät fühlt sich das so überzeugend und korrekt an, wie beim Taschenrechner. Das Design des X Mark II bringt also den Kerngedanken des Taschenrechners auf den Punkt. Außerdem verleiht die hochwertige Gestaltung dem Taschenrechner in Zeiten, in denen er beinahe schon als Wegwerfprodukt gelten kann, wieder neuen Wert. Konsequenterweise ist er auch aus recycelten Materialien gefertigt und wird allein durch Solarenergie betrieben. So ist er gleichzeitig Statement und Statussymbol.

Quelle: Every Product Tells a Story (Red Dot Edition 2014)

Veröffentlicht am 12.04.2017

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