Invisible Table – An der Grenze zum Immaterialien

Invisible Table – An der Grenze zum Immaterialien

Tische gibt es bereits seit der Antike. Bei einem so alltäglichen Gegenstand, der im Wesentlichen durch eine waagerechte Platte auf vier Beinen oder einem anderen Unterbau besteht, gibt es kaum eine Form, ein Material, eine Farbgebung, eine Bauart oder eine Verzierung, die nicht schon einmal ausprobiert wurde. Den Tisch neu zu erfinden ist so gut wie unmöglich.

Umso interessanter ist es zu sehen, was dabei herauskommt, wenn ein Gestalter aufgefordert wird, einen neuen Tisch zu gestalten. Der japanische Designer Tokujin Yoshioka entschied sich beim „Invisible Table“ für einen konsequenten Minimalismus nach dem Gestaltungsgrundsatz „Less is more“. Dieses Gestaltungsprinzip wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe geprägt und beeinflusst bis heute die Arbeit vieler Designer. Er propagierte die Reduzierung auf das Wesentliche, das Weglassen allen überflüssigen Beiwerks – einen Minimalismus, der von Formreinheit und klaren Geometrien bestimmt wird. Beim Invisible Table wird dieser Gestaltungsgrundsatz gewissermaßen auf die Spitze getrieben: Tokujin Yoshioka hat einen Tisch mit quadratischer Tischplatte kreiert, der aus einem einzigen Stück Acrylglas besteht. Ermöglicht wurde dies durch ein innovatives Gussverfahren. In seiner konsequentesten Ausführung ist er zudem farblos und durchsichtig. Die Wirkung ist faszinierend. Das Ergebnis ist ein perfekt gestalteter, funktional vollwertiger Tisch, der im Raum ätherisch, fast unsichtbar erscheint. Hier werden die Grenzen zwischen physischem Objekt und dem Immateriellen ausgelotet. Weniger wäre in diesem Falle tatsächlich Nichts.

Wenn Figuren in Märchen oder Sagen die Tarnkappe überstreifen und unsichtbar werden, können sie für kurze Zeit unerkannt durch die Welt geistern, ihre Widersacher austricksen, Drachen besiegen, Geliebte retten oder Schätze entwenden. Die Gegenstände, die der Unsichtbare ergreift, bleiben dagegen in der Regel sichtbar, schweben wie von Geisterhand durch den Raum und rufen Ungläubigkeit und Erstaunen bei den nicht eingeweihten Beobachtern hervor. Einen ähnlichen Effekt erzielt der Invisible Table: Was auch immer man auf ihm ablegt, scheint auf den ersten Blick schwerelos in der Luft zu verweilen. So löst der Invisible Table erst Verblüffung, dann Freude beim Betrachter aus. Eine außergewöhnlich starke Reaktion auf einen völlig alltäglichen Gegenstand wie einen Beistelltisch. Er bekommt gerade durch die konsequente Reduktion etwas Poetisches und beflügelt die Phantasie. Ein „Weniger“ in Gestaltung und physischer Präsenz führt bei diesem Tisch so letztlich zu einem „Mehr“ an Emotionen.

Quelle: Every Product Tells a Story (Red Dot Edition 2014)

Veröffentlicht am 07.03.2017

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