Matteo Thun zum 65. Geburtstag (*17. Juni 1952)

Matteo Thun zum 65. Geburtstag (*17. Juni 1952)

Matteo Thun (vollständiger Name Matthäus Antonius Maria Graf von Thun und Hohenstein) kam als erster Sohn einer Unternehmerfamilie im Jahr 1952 in Bozen (Italien) zur Welt, die sich seit der Gründung im Jahr 1950 als Thun AG zu einer internationalen Marke im Bereich der Keramikherstellung etabliert hat. Heute ist er dankbar, dass er als Kind jede Menge Freiheiten hatte, seine Umwelt auf eigene Faust entdecken konnte und dennoch stets zur Bescheidenheit erzogen wurde. Der Kontakt mit Plastik blieb bei Matteo Thun schon in jungen Jahren aus. Plastikspielzeug gab es zu Hause nicht, gespielt wurde mit Ton- und Holzfiguren. Er selbst sieht dies als Grund, warum er früh einen Bezug zu nachhaltigen Materialien entwickelt hat.

Genius Loci als Inspirationsquelle

Der Genius Loci, die Seele des Ortes, ist der Ausgangspunkt seiner Projekte:

„Man muss die Seele des Ortes, an dem man baut, verstehen und erfassen.“ (Matteo Thun)

Matteo Thun zählt heute als Vorreiter der ästhetischen, ökonomischen und technologischen Nachhaltigkeit in der Gestaltung. In der Architektur und auch im Produktdesign ist das Thema Nachhaltigkeit für ihn stets von besonderer Bedeutung. Es ist die Basis seiner Arbeit; das wissen auch seine Auftraggeber. Die Grundsätze des Visionärs Matteo Thun spiegeln sich in individuellen, energieoptimierten Architektur- und Raumkonzepten wider. Denn schließlich sollen, so sagt er, seine Gebäude auch nach einigen Dekaden für die Kinder seiner Kinder noch zeitgemäß aussehen und nicht zu einer überholten Architektur zählen.

„Was ästhetisch hält, weiß man nach 50 bis 100 Jahren, was technisch hält weiß man oft erst nach ein paar Hundert Jahren“ (Mona Lisa, ZDF; Bericht: Sibylle Bassler, Ausstrahlung 29.10.2016).

Matteo Thuns Projekte verbinden Mensch und Natur und zielen auf den Einsatz natürlicher Ressourcen beziehungsweise schonender Materialien ab. Bei seinen Neubauprojekten versucht er auf Stahlbeton zu verzichten und vor allem Holz als Baustoff zu verwenden.

„Schlicht, schön und gut sollen die Dinge sein, die uns umgeben“ (Matteo Thun)

„Simplicity“ lautet das Schaffensmotto von Matteo Thun, dass er weit entfernt von überschwänglicher Extravaganz in seinen Projekten lebt. Bei seiner Arbeit sind ihm die Walser Bergbauern immer wieder ein Vorbild. Ganz selbstverständlich haben sie immer die sparsamsten und einfachsten Lösungen gesucht. Die Devise „Weniger ist mehr“ ist für ihn seit jeher die Basis ihrer handwerklichen Kultur. Diese Lebenseinstellung lebt Matteo Thun auch privat. Sein Haus auf Capri, erst nach 30 Minuten Fußweg zu erreichen, stellt die Natur und den Ausblick in den Fokus, die Architektur tritt zurück. In Mailand kommt er mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Eine feste Größe in der Mailänder Designgeschichte

Seit mehr als 30 Jahren steht der Name Matteo Thun für die Mailänder Designgeschichte und ist zu einer eigenständigen Marke geworden, die Einfluss auf die italienische und internationale Architektur- und Designszene nimmt. Vom Holzhaus bis zur Wasserflasche, vom Besteck bis zum Luxushotel – Matteo Thun folgt dem Prinzip der Mailänder Schule „vom Löffel zur Stadt“ und arbeitet von Micro bis Macro.

Als Schüler von Oskar Kokoschka studierte er zunächst an der Sommerakademie in Salzburg und promovierte im Jahr 1975 an der Universität Florenz zum Doktor der Architektur. 1978 zog er nach Mailand und lernte noch im gleichen Jahr Ettore Sottsass kennen. Die erste Zusammenarbeit mit Ettore Sottsass mündete 1980 in einer Partnerschaft und Mitbegründung der Sotsass Associati. Ein Jahr später gründete er die Gruppe Memphis, eine Designer-Vereinigung, die erstmals die reine Funktionalität von Designobjekten in Frage stellte und die sich von den Auftraggebern aus der Industrie emanzipieren und selbstbestimmt arbeiten wollte. Die Memphis-Bewegung war geboren und hatte ihr Zentrum in Mailand, über die kurze Zeit später die ganze Welt berichtete. Das Memphis-Design war neu und einfach anders, es war bunt, taktil und emotional.

Von 1983 bis 2000 unterrichtete Matteo Thun als Professor für Design an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Währenddessen, im Jahr 1984, gründete er sein erstes eigenes Studio im Künstlerviertel Brera in Mailand und wurde zwischen 1990 und 1993 als Kreativ-Direktor für die Firma Swatch tätig.

Matteo Thun & Partners

2001 gründete er gemeinsam mit Luca Colombo und Antonio Rodriguez die Firma „Matteo Thun & Partners„. Als starke Marke für Architektur, Interieur- und Produktdesign agiert „Matteo Thun & Partners“ auf internationaler Ebene und steht mit interdisziplinär arbeitenden Teams von rund 70 Architekten, Designern und Grafikern in Büros in Mailand und Shanghai für 360° Nachhaltigkeit sowie ästhetische und technische Innovation. Bis heute sagt Matteo Thun, dass er vieles von Ettore Sottsass gelernt habe, vor allem die Reduktion auf das Wesentliche. Er bezeichnet sein Design als „Zero Design’“ Die Entwürfe, die gemeinsam mit seinem Partner Antonio Rodriguez entwickelt werden, sollen zeitlose, ikonische Formen generieren, die nicht nur visuell und zeitgeistig sind. Hierbei sind ihm die Individualität der Marke und der Dialog mit den Kunden und deren technische Expertise besonders wichtig.

Personalisierung – Matteo Thun Atelier

Sein neuestes Projekt trägt den Namen „Matteo Thun Atelier“ und ist aus seiner Begeisterung für das italienische Handwerk entstanden. Anlässlich der Mailänder Möbelmesse 2016 stellte er seine eigene Möbelkollektion, die vor allem für die Hotellerie entworfen wurde vor. „Wir wollten unsere Erfahrungen aus Architektur und Design mit dem Wissen italienischer Handwerksbetriebe zusammenbringen“, erklärt er die Idee. Die Kollektionen von Möbeln, Holzstühlen, Keramik und Glasobjekten sind speziell für die Einrichtung und Ausstattung von Hotels und Restaurants gestaltet und können vom Kunden in unterschiedlichen Farben, Mustern und Materialien individualisiert werden.

Hotel, Design und Wellness nach Matteo Thun

Besonders im Bereich der Hotellerie hat sich der italienische Stararchitekt zu einem gefragten Influencer entwickelt, der die Designlandschaft der Hotelarchitektur maßgeblich beeinflusst. Er liebt die Einfachheit, die Subtraktion und die Befreiung von allem Überflüssigen. Sein letztes, international ausgezeichnetes Projekt ist das JW Marriott Resort und Spa. In der venezianischen Lagune hat er, gemeinsam mit seinem Partner Luca Colombo, eine unter Denkmalschutz stehende Insel in ein Luxusresort transformiert. Hier hat das Architekturbüro das Projekt von Makro (Masterplanning) bis Mikro (Details) betreut. Der Erhalt des historischen Charakters stand auch bei der Rekonstruktion der Gebäude auf der Insel immer im Vordergrund. Drei traumhafte Großprojekte in Südtirol tragen Thuns Handschrift: Das Vigilius Mountain Resort (2003) bei Lana (nahe der Stadt Meran) in der Form eines liegenden Baumes mit einer Lage auf 1.500 Höhenmetern, das nur per Seilbahn zu erreichen ist. Für die Gestaltung des Vigilius Mountain Resort wurde er bereits ein Jahr nach der Eröffnung mit dem „Gala Spa Award“ und dem „Wallpaper Design Award“ ausgezeichnet. 2005 rückte der „Panda d’Oro“ vom WWF nach. 2004 folgte die Mountain Residence Pergola inmitten von Weinbergen und 2005 das Hotel Therme Merano. Für Architektur und Einrichtung wurden ausschließlich landestypische und natürliche Materialien, wie Holz und Stein.

Lobenswerte Auszeichnungen für Matteo Thun

Die Liste der erfolgreichen Projekte von Matteo Thun & Partner ist lang und zurecht sind seine Arbeiten auszeichnungswürdig. Bereits drei Mal wurde Matteo Thun mit dem „Compasso d‘Oro“ für erstklassiges Design ausgezeichnet. 2001 wurde das Side Hotel in Hamburg, das Matteo Thun gemeinsam Jan Störmer und mit dem Künstler Robert Wilson realisierte, als „Hotel des Jahres“ gewählt. 2006 wurde das Radisson SA Frankfurt bei den Worldwide Hospitality Awards zu den besten im Jahr eröffneten Hotels gewählt. Das JW Marriott Resort + Spa vor Venedig wurde 2016 mit dem MIPIM Award und dem Hospitality Design Award ausgezeichnet und gewann den European Hotel Design Award in drei Kategorien. Und auch bei den Red Dot Design Awards wurden einige von ihm mitgestalteten Produkte für eine hervorragende Gestaltungsleistung in den vergangenen Jahren ausgezeichnet, darunter die Axent One Dusch Toilette (2015), DuraStyle Badserie (2013) und zuletzt die Look Wood LED-Außenleuchte (2016).

Reizvolle Projekte mit viel Herzblut

Matteo Thun überrascht mit erstaunlicher Vielfältigkeit in seinen Projekten, die sich nicht ausschließlich auf Luxusprojekte beschränken, wenn gleich auch der Edel-Club P 1 in München ebenfalls seine Handschrift trägt und er Boutiquen für Porsche Design und Hugo Boss oder die Apartment-Residenz „Edel:Weiss“ im österreichischen Katschberg designte. Öffentliche Einrichtungen, z. B. das Waldkrankenhaus Eisenberg, energiesparende Fertigsysteme, gewerbliche Gebäudefassaden und Installationen oder das Biomassewerk Schwendi spiegeln wider, dass Matteo Thun an allem arbeitet, was ihm lieb ist und für ihn einen Sinn ergibt. Zum eigentlichen „Designer“ wird Matteo Thun erst, wenn es für seine Projekte relevant ist oder ihn die Entwicklung eines Produkts wirklich reizt, um Innovation und damit verbundene ökologische und ökonomische Vorteile für den Verbraucher zu erreichen. So gestalten Matteo Thun und Antonio Rodriguez Bad-Designs für Fantini, Zuchetti, Dornbracht und Duravit, Saunen für KLAFS, Teppiche für Objekt Carpet, um nur einige zu nennen. Seit über 10 Jahren entwerfen sie das Design der Messer und Küchenhilfen für ZWILLING und konzipieren nun auch ZWILLING’s ersten Flagshipstore in Shanghai.

Ein Interview mit Matteo Thun finden Sie in unserer Buchempfehlung „Die Architektur des Weines“ von dem Verlag av edition.

 

Veröffentlicht am 19.06.2017

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