Interview mit Zhu Yingchun

Interview mit Zhu Yingchun

Seitdem das Buch in London präsentiert wurde, ist es ein fester Bestandteil der königlichen Sammlung, der British Library, geworden. Bei der diesjährigen Leipziger Buchmesse wurde „The Language of Bugs“ in der Kategorie „Das schönste Buch der Welt“ mit der Silbermedaille ausgezeichnet. Bereits seit 1991 ist die Stiftung Buchkunst der Ausrichter des Wettbewerbs und der gleichnamigen Ausstellung.

Was ist das Besondere an diesem Buch? Das Buch ist vollständig aus der Perspektive und mit der Sprache der Insekten geschrieben. Von der Titelseite bis zum letzten Kapitel enthält es kein von Menschenhand geschriebenes Wort. Es besteht einzig aus der Schrift der Insekten, die aus Tausenden von verschiedenen und geschwungenen Formen besteht, die die Insekten mit ihren Fußabdrücken hinterlassen. Ihre Sprache  erinnert an Kalligraphie und die Bilder, die durch die Hinterlassenschaften ihrer Spuren entstehen, haben ihren ganz eigenen Charme und erinnern an die Gemälde aus einer vergangenen Dynastie.

Wir haben mit dem Autor Zhu Yingchun auf der Frankfurter Buchmesse 2017 getroffen und mit ihm über die Entstehung seines erfolgreichen Buches gesprochen.

Red Dot 21 (1): Bei Ihren Büchern lassen Sie sich von der Natur inspirieren, ähnlich wie es viele Schmuckdesigner tun. Gibt es für Sie weitere Quellen der Inspiration? Wenn ja, welche sind das? Und: Kennen Sie Designer aus anderen Bereichen, die sich bei der Gestaltung primär von der Natur inspirieren lassen?

Zhu Yingchun: Die Natur ist meine einzige Inspirationsquelle. Die Natur hat mich schon immer fasziniert. Das hat im Kindesalter bereits angefangen. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. In meinem Elternhaus hatte ich kein Spielzeug aus Plastik oder Holz. Also habe ich mit den Insekten gespielt und sie beobachtet. Sie waren meine Spielfreunde. Heute wünsche ich mir, noch mehr Zeit zu haben, um sie in der Natur zu verbringen. Es gibt nichts Schöneres als die Natur. Ja, ich würde sagen, dass alle meine Inspirationen in der Natur begründet liegen. Ich persönlich habe wenig Kontakt zu anderen Designern, die, genau wie ich, die Natur als Vorbild für ihre Werke nutzen. Ich habe nichts von anderen Künstlern gelernt oder übermittelt bekommen, weder von den chinesischen noch von den westlichen Designern. Aber ich gehe stark davon aus, dass auch sie sich immer wieder von der Natur inspirieren lassen. Meine Arbeit ist nur durch die Verlage populär geworden, die von selbst und ohne mein Zutun auf mich aufmerksam wurden. Ich selbst weiß gar nicht, was man tun muss, um beispielsweise einen Wettbewerb zu gewinnen. Darüber würde ich gerne mehr erfahren oder auch von anderen Designern und Autoren lernen, die an den renommierten Wettbewerben in den USA und Europa teilnehmen.

Red Dot 21 (2): Wie sah der Prozess der Entwicklung des Buchdesigns für „The Language of Bugs“ bei Ihnen aus? Bitte nennen Sie uns konkrete Beispiele.

Zhu Yingchun: Alles hat damit begonnen, dass ich im Innenhof meines geschichtsträchtigen Wohnhauses – es ist circa 100 Jahre alt – einen Garten anlegen wollte. Ich liebe Pflanzen, ich liebe Blumen. Also habe ich alles gepflanzt, was mir gefiel – ganz zum Ärger meiner Nachbarn und der angrenzenden Schule. Sogar die Blumentöpfe habe ich aus Bambus selbst gestaltet. Nach und nach wurde der Garten zum Leben erweckt und die ersten Insekten zogen ein. Ich konnte förmlich dabei zusehen. Sogar Schlangen haben sich in meinem Garten zu Hause gefühlt. Ich wurde auch schon gebissen. Aber das macht mir nichts. Ich habe alles einfach wachsen lassen, so wie es die Natur auch tun würde. Ich wollte nichts von all der Schönheit zerstören. Ich erinnere mich noch, dass Pilze wuchsen und ich überlegt habe, ob ich sie essen soll, weil sie gesund sind. Aber auch da dachte ich, dass ich sie lieber im Garten lasse, wo sie leben, wo sie hingehören. So wie die Blätter, die vom Baum fallen. Auch die sind schön und ich lasse sie liegen. Die Nachbarn reden schon über mich. Wahrscheinlich denken sie, dass die Insekten auf mir herumkrabbeln, wenn ich das Haus verlasse und draußen herumlaufe [lacht].

Ich bin mit der Zeit dann immer neugieriger geworden und habe angefangen, die Insekten zu beobachten. Dabei kam mir die Idee, dass auch sie etwas mitzuteilen haben, sie ihre eigene Sprache sprechen und ich deshalb ihre Spuren sammeln sollte. Zum Spurensammeln habe ich zunächst kleine Tintenfässchen im gesamten Garten verteilt. Die Tinte sollte an den Füßchen der Käfer, Gottesanbeterinnen, Spinnen, Schlangen und was sonst noch meinen Garten bewohnt kleben bleiben und bei dem nächsten Schritt auf einem Blatt den Weg, den sie zurücklegen, auf diese Weise abbilden. Aber dann dachte ich, dass die Tinte für die Insekten vielleicht gar nicht gut sei oder gar giftig. Also habe ich mich zunächst daran gesetzt, einen Ersatz für die Tinte zu finden. Hierfür habe ich einen Saft aus Früchten, meist Beeren, selbst hergestellt, den ich dann als „Tinte“ verwendet habe. Das hat auch funktioniert! Ich habe während der gesamten Zeit feststellen müssen, dass Insekten sogar Mathe können und ganz besonders Kalligrafie [lacht].

Ich meine es wirklich ernst, wir können so viel von der Natur und den Tieren, besonders von den Insekten, lernen. Wenn man mich fragen würde, welches Insekt ich nicht mag, ich könnte Ihnen keine Antwort geben. Sie sind alle schön, auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Red Dot 21 (3): Was waren die größten Herausforderungen während Ihrer 5-jährigen Beobachtung der Insekten?

Zhu Yingchun: Ich hatte zu Anfang überhaupt keinen Plan und auch kein konkretes Ziel. Als ich meinen Garten angelegt habe, habe ich nicht einmal gewusst, welche Arten von Pflanzen ich haben möchte. Also hat alles seinen Lauf genommen. Nach einiger Zeit hatte ich immer mehr verschiedene Pflanzen. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, welche Auswirkungen das haben könnte. Denn direkt neben meinem Wohnhaus und meinem Studio liegt eine Schule. Die Schulverantwortlichen haben es gar nicht gerne gesehen, dass ich dort gepflanzt habe, was mir lieb war. Am liebsten hätten sie nur schöne Pflanzen mit Blüten gesehen. Aber für mich ist jede Pflanze schön. Die ganze Natur. Zusätzlich hatten sie Angst, dass ich mit Pestiziden gegen mein „Unkraut“, so bezeichnen sie es, vorrücken würde. Das habe ich nicht und würde es niemals tun, denn die Natur ist etwas Einzigartiges, in das man nicht eingreifen sollte. Es ist schwer gewesen, das den anderen Menschen beizubringen, die sich an meinem Garten gestört haben.

Red Dot 21 (4): Bestimmt hätten Sie noch viele weitere Jahre die Spuren der Insekten sammeln können und es wäre „das dickste Buch der Welt“ geworden. Wann und warum war dann der Zeitpunkt erreicht, dass Sie gesagt haben: „Jetzt beende ich das Projekt“?

Zhu Yingchun: Bislang ist „The Language of Bugs“ [Die Sprache der Insekten] mein einziges Buch über die Spuren, die ich gesammelt habe. Natürlich arbeite ich daran weiter. Aber eben nicht nur für dieses eine Buch. Es gibt viele weitere interessante Dinge zu beobachten, so z. B. die Geräusche der Insekten oder deren Lebensraum, also ihr „Zuhause“. Ich werde weiter meine Eindrücke sammeln und die Reihe fortsetzen. Das braucht eine Menge Geduld und ist auch ein Grund, warum ich fünf Jahre ihre Spuren gesammelt habe. Irgendwann dachte ich mir: „Stop!“ – du willst doch sowieso noch mehr Bücher mit anderen Aspekten über Insekten schreiben und gestalten, dann höre jetzt besser auf. Das reicht fürs Erste!

Red Dot 21 (5): Beschreiben Sie einen Arbeitsalltag, an dem Sie der Sprache der Insekten auf die Spur gegangen sind. Wie hat der Tag begonnen, wie geendet?

Zhu Yingchun: Zunächst einmal ist der Frühling die beste Zeit, um Spuren zu sammeln. Die Insekten haben viele Larven und bringen neues Leben auf die Welt. Das ist besonders spannend zu beobachten. Im Grunde habe ich nicht gezielt nach etwas gesucht, sondern habe alles von den Insekten gesammelt, was ich schön und interessant gefunden habe.

Besonders am Morgen gibt es immer viel zu entdecken. Ich laufe in den Garten und schaue, welche Spuren sie auf meinen Blättern hinterlassen haben. Selbstverständlich sind diese für mein Buch zu diesem Zeitpunkt noch unvollständig und ich muss ein wenig eingreifen, z. B. die Blätter fixieren oder aneinanderreihen. Später muss ich alle Blätter zusammenbringen und trocknen lassen. Erst wenn sie getrocknet sind, kann ich sie weiter bearbeiten und z. B. kategorisieren. Es gibt dünnere und dickere Spuren beispielsweise. Die Spuren vom Morgen unterscheiden sich tatsächlich von den Spuren der Insekten am Nachmittag und am Abend. Abends setze ich mich dann hin und führe das Skript für das Buch weiter fort. Das ist alles sehr zeitaufwendig, denn nichts wird von einem Computer bearbeitet oder digital zusammengeführt.

Ich muss jederzeit sicherstellen, dass das, was ich gesammelt habe, auch zueinanderpasst und zu einem Sinn verarbeitet werden kann. Ich muss rundum zufrieden sein, andernfalls fangen die Suche und das Sammeln von vorne an. Das ist ein weiterer Grund, warum es fünf Jahre gedauert hat. Ich konnte das Projekt nur durchführen, weil ich in der Zwischenzeit keine anderen Aufträge angenommen und für niemand anderen gearbeitet habe, außer für mich selbst. So konnte ich mich komplett auf die Arbeit konzentrieren. Geld verdienen ist für mich bei diesem Projekt und auch im Allgemeinen nebensächlich. Ich war sehr eingebunden, aber genau das macht mich glücklich.

Red Dot 21 (6): Sie haben die Spuren der Insekten mit den Werken diverser Künstler verglichen. Glauben Sie, dass sich jemand wie Jackson Pollock oder Joan Miró ebenfalls von den Spuren der Käfer inspirieren ließ, dass sie aber nur nicht darüber geredet haben?

Zhu Yingchun: Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich mich nie tiefgehend mit den westlichen Künstlern beschäftigt, aber ich denke, dass jeder Künstler sich irgendwie von der Natur inspirieren lässt. Es gibt viele Künstler in China, die sich von Insekten oder auch Vögeln inspirieren lassen. Warum sollten also nicht Künstler auf der ganzen Welt die Natur zum Vorbild nehmen?!

Red Dot 21 (7): Was glauben Sie, würden sich diese beiden Künstler, wenn sie noch leben würden, über den Vergleich ihrer Kompositionen mit denen der Insekten freuen?

Zhu Yingchun: Diese Künstler sind wahre Größen und ich denke, sie würden es lustig finden, dass ich ihre Kompositionen mit denen der Insekten vergleiche.

Red Dot 21 (8): Was halten Sie davon, wenn Sie als „Pionier auf dem Feld der Morphologie“ bezeichnet werden? Welcher Vergleich wäre Ihnen stattdessen lieber?

Zhu Yingchun: Ich mag es nicht, wenn man mich als einen Vorreiter bezeichnet oder als einen Experten auf diesem Gebiet. Es gibt viele Menschen, die wesentlich besser sind als ich in dem, was sie tun und erforschen. Sie tun es nämlich gezielt für die Wissenschaft. Ich persönlich möchte lediglich, dass man mich als freundliche, aufgeschlossene und lustige Person wahrnimmt. Mir ist es egal, ob man mich nun „Künstler“, „Designer“ oder „Pionier“ nennt; vielmehr ist die Lebensfreude das, was mich ausmacht und meine Bestimmung ist.

Red Dot 21 (9): Sie lieben es, die herkömmliche Buchgestaltung zu verlassen – manche sagen, Sie brechen mit konventionellen Regeln. Denken Sie, dass der Begriff „visueller Autor“ zu Ihnen passt? Und wenn ja, warum?

Zhu Yingchun: Ich möchte zuerst etwas Allgemeines zu der Tradition sagen. Jeder sollte lernen, die Tradition seines Landes zu akzeptieren und respektieren. Ob man mich nun einen „visuellen Autor“ nennen kann, das lasse ich mal dahingestellt. Ich habe lediglich versucht, eine neue Methode anzuwenden und eine andere Herangehensweise, die im Einklang mit der Tradition und der Natur steht.

Red Dot 21 (10): Sie haben bereits zahlreiche Auszeichnungen und Ehrentitel erhalten, u. a. den „Verlegerpreis der chinesischen Regierung“ und den Preis als „Outstanding Editor“, und Sie sind Träger der internationalen Auszeichnung „Die schönsten Bücher der Welt“. Welche Auszeichnung ehrt Sie persönlich am meisten, und warum?

Zhu Yingchun: Ich möchte betonen, dass ich mich nicht um die Auszeichnungen und Titel beworben habe – man hat sie mir einfach gegeben, z. B. die Verleger, ohne dass ich gefragt habe. Selbstverständlich fühle ich mich geehrt und freue mich über diese Titel. Letztendlich haben es mir die Auszeichnungen möglich gemacht, z. B. zu den Buchmessen nach Deutschland und weltweit zu reisen. Und ich hatte den Vorteil, dass ich nicht so aufgeregt war wie die anderen Teilnehmer, die bei den Awards auf ein Ergebnis warten müssen und die sich vielleicht gezielt beworben haben. Das ist schon ein gutes Gefühl.

Ich erinnere mich noch, als der Anruf kam. Ich lag im Bett, als mich die frohe Botschaft erreicht hat. Ich konnte es kaum glauben. Es fühlte sich sehr gut an. Ich denke auch, dass Bücher ein gutes Format sind, um Kunst auszudrücken.

Red Dot 21 (11): Was machen Sie am liebsten in Ihrer Freizeit, wenn Sie sich nicht gerade den Büchern widmen?

Zhu Yingchun: Ich bin immer gerne zu Hause. Am liebsten sitze ich alleine an einem Fluss und mache gar nichts. Ich liebe die Ruhe, die mich dort umgibt. Dort lade ich sozusagen meine Batterien auf, entspanne und fühle mich einfach nur wohl.

Red Dot 21 (12): Können Sie mir drei Eigenschaften nennen, die jedes gute Buch haben sollte?

Zhu Yingchun: Als Erstes sind der Inhalt und die Botschaft, die das Buch den Lesern übermitteln möchte, das Wichtigste. Ich meine damit die „Seele eines Buches“. Natürlich sollte es in jeder Hinsicht einfach „gut sein“, ganz egal, ob traditionsreich oder modern – einfach nur gut.

Das Zweitwichtigste ist die Form, das Format, also das Buchdesign und das Material, aus dem es gefertigt wird. Das Äußere, das Design des Buchs, sollte immer zum Inhalt passen und diesen noch unterstreichen. Es ist eine Ausdrucksform, und es ist nicht immer ganz leicht, das richtige Design zu finden. Das hat auch mir Kopfzerbrechen bereitet bei „The Language of Bugs“, und ich konnte manchmal nicht gut schlafen, weil ich so viel darüber nachgedacht habe.

Und das Dritte ist die Technik der Produktion. Alles muss zueinander passen und aufeinander abgestimmt sein.

Red Dot 21 (13): An welchem Werk werden Sie demnächst arbeiten, oder mit welchem haben Sie bereits begonnen?

Zhu Yingchun: Ich plane, noch drei weitere Bücher über die Insekten zu veröffentlichen, aber das wird dauern, vielleicht so circa 10 bis 20 Jahre. Ein anderes Buch ist bereits in Arbeit. Es handelt über Vögel.

Red Dot 21 (14): Wo möchten Sie die Vögel beobachten, ebenfalls ausschließlich in Ihrem Garten?

Zhu Yingchun: Nein, zu jeder Zeit und überall. Es wird ein einzigartiges und beeindruckendes Kunststück werden. Ich werde Vögel in Deutschland, Frankreich und China beobachten und gerne dafür reisen. Mein Garten ist ein Kunstwerk an sich mit vielen verschiedenen Pflanzen, Bäumen, Insekten und auch Vögeln, aber für das Buch gehe ich weiter – ich reise gerne um die Welt [lacht].

The Language of Bugs*

 

Die Natur ist eine von zahlreichen Inspirationsquellen für Designer. Besonders beim Schmuck lassen sich viele Designer von der Natur, zum Beispiel von Blättern, Blüten und Tieren inspirieren. Die Laufrouten von den Insekten in dem Buch von Zhu Yingchun sind eine Besonderheit und erinnern uns an die Skizzenbücher von Schmuckdesignern, für die das Zeichnen als Werkzeug unverzichtbar ist, um die Ideen bildlich darzustellen.

Das sogenannte „Zeichnen nach der Natur“ liefert hervorragende Anregungen für Formen und Strukturen. Im Handbuch Schmuckgestaltung finden Sie genau diese Beispiele (S. 277) und können den Prozess von der Idee bis zur Fertigstellung des Schmuckstücks Schritt für Schritt nachvollziehen.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen!

Veröffentlicht am 02.01.2018

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