Interview mit Gen Terao von BALMUDA

Interview mit Gen Terao von BALMUDA

Red Dot (1): Ihr erster Beruf, den Sie ausübten, war Musiker, warum sind Sie dann Designer geworden? Erzählen Sie uns, was Sie dazu bewegt hat den Berufszweig zu wechseln?

Gen Terao: Ich verbrachte zehn Jahre als Sänger / Gitarrist in einer Rockband und unterschrieb sogar einen Vertrag bei einem großen Label, aber letztlich trennte sich die Band und ich entschied mich für einen anderen Weg. Obwohl meine musikalische Karriere beendet war, trug ich immer noch die Leidenschaft in mir, etwas zu erschaffen und die Menschen mit meinen Kreationen glücklich zu machen.

Zu dieser Zeit stieß ich auf das Designmagazin „FRAME“. Ich merkte, dass mich das Produktdesign faszinierte. Ich hatte immer schon großen Respekt vor den Produkten, die ich zum Komponieren der Musik nutzte, sei es der Apple Macintosh für die Musikbearbeitung oder der Stuhl „Aeron“ von Hermann Miller, auf dem ich während meiner Arbeit saß.

Dann überlegte ich weiter und mir wurde klar, dass es in manchen Geschäftsfeldern Unternehmen geben muss, die den Geist einer Rockband besitzen. Die typischen Unternehmen erforschen und analysieren zunächst die Marktbedürfnisse, bevor sie ein Produkt entwickeln. Eine Rockband dagegen würde im Vorfeld beispielsweise keine Marketingumfrage starten, bevor sie einen neuen Song schreibt. In diesem Sinne kamen mir Apple, Patagonia und Virgin wie Rockbands vor. Sie taten immer das, woran sie glaubten und zwar mit voller Begeisterung, ohne sich dabei vom Markt leiten zu lassen. Also dachte ich mir, ich könnte dasselbe tun.

Red Dot (2): Sie gründeten dann Ihr eigenes Unternehmen BALMUDA. Wofür steht Design von BALMUDA heute?

Gen Terao: Wenn es um die Form geht, dann wollen wir bei BALMUDA etwas schaffen, das schön ist und nicht unbedingt etwas Neues. Neue Designs werden zwar gerne gelobt, aber was heute als „neu“ gilt, ist morgen schon wieder veraltet. Bei BALMUDA versuchen wir unsere Produkte so zu gestalten, dass sie auch noch nach 100 Jahren als “schön” empfunden werden können. Um diese Art von Schönheit zu erreichen, muss man beispielsweise darüber nachdenken, welche eine natürliche Form für ein bestimmtes Produkt herhalten könnte. Bei unserem Luftbefeuchter haben wir beispielsweise die Form der traditionellen japanischen Wassertöpfe nachempfunden. Die meisten Luftbefeuchter haben eine quadratische Form, unsere topfähnliche Form fühlt sich natürlicher an für ein Produkt, das mit Wasser befüllt ist und arbeitet – sie verleiht eine subtile Schönheit.

Auf der einen Seite ist das Design ein wichtiges Merkmal bei BALMUDA, aber auf der anderen Seite würde ich es nur als eine von vielen „Eigenschaften“ der BALMUDA Produkte bezeichnen. Immer wenn wir ein neues Produkt erschaffen, schätzen wir ab, ob und wie es auf unsere fünf Sinne Einfluss nehmen könnte. Das “Sehen” ist am wichtigsten, weil es wahrscheinlich der erste Sinn ist, der verwendet wird, wenn man zum ersten Mal auf ein Produkt trifft. Besonders, weil wir Geräte herstellen, die in den sichtbaren Bereichen des Hauses ihren Platz finden sollen.

Wie auch immer, die Menschen lieben unsere Produkte, weil wir auch auf die anderen vier Sinne eingehen können. Zum Beispiel erzeugt unser Ventilator eine Brise, die sich sanft anfühlt und unser Toaster röstet ein Stück Toast, das am Ende wunderbar schmeckt. Ästhetik ist ebenfalls wichtig, aber nicht das, was die Produkte von BALMUDA hauptsächlich ausmacht.

Red Dot (3): Wie lässt sich der Designprozess bei BALMUDA beschreiben?

Gen Terao: Bei BALMUDA haben wir ein kreatives Team, das aus neun Designern aus dem Produkt- und Grafikdesign sowie aus dem Bereich Raumgestaltung besteht. Dieses kreative Team ist verantwortlich für die Qualität des gesamten kreativen Materials, das BALMUDA produziert, sei es das Produkt, die Website, der Katalog, das Design für ein Geschäft usw. Die Designer führen sogar die meisten Fotoshootings selbst durch.

Was die Produkte anbelangt, arbeiten unsere Produktdesigner von der Konzeption bis zur Entwicklung mit den Ingenieuren und dem Marketingteam zusammen. Für jedes Produkt werden vom Designteam in der Regel circa 2.000 Skizzen erstellt, die wir dann diskutieren und Stück für Stück selektieren bis ich am Ende eine endgültige Entscheidung treffe. Wir führen niemals Umfragen durch, um einen Einblick in die Geschmäcker der Verbraucher zu erhalten.

Ich verlange viel von unseren Designern. Als wir anfingen unseren Toaster zu entwickeln, lautete mein Auftrag, dass sie einen Toaster entwerfen sollten, der den besten Toast der Welt hervorbringen könnte. Mit anderen Worten war ihre Aufgabe „Geschmack“ zu entwerfen. Der beauftragte Designer war ein Produktdesigner, der, während er dabei war die Form des Produkts zu entwerfen, Stunden damit verbrachte gemeinsam mit den Ingenieuren zu toasten und zu testen. Am Ende hat er in sechs Monaten 5.000 Scheiben Toast gegessen.

Red Dot (4): Woher stammen die Ideen zu Ihren Produkten?

Gen Terao: Ich selbst halte BALMUDA nicht für eine Marke, die einfach nur Haushaltsgeräte herstellt. Unsere Produkte sind Werkzeuge bzw. Geräte, die helfen, das Leben der Verbraucher mit wunderbaren Erfahrungen zu bereichern. Ähnlich, wie bei einer erfrischende Brise, die während eines kleinen Nickerchens in der Mitte eines heißen Sommertages beruhigend wirken kann oder so, wie man sein Kind beobachtet, wie es bei der sanften Brise friedlich schläft – ich denke so kann man sich das vorstellen.

Also versuche ich Tag für Tag meine Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was mich in meinem täglichen Leben begeistert oder was mich glücklich macht. Jedes Mal, wenn ich auf solche Erfahrungen stoße, analysiere ich die Elemente, die mich das Gefühl von Erfüllung spüren lassen und denke: „Welches Gerät würde es schaffen, diesen Moment zu rekonstruieren?“.

Red Dot (5): Bitte beschreiben Sie uns, wie sich der „The GreenFan“ von anderen Ventilatoren unterscheidet! Was ist das Besondere?

Gen Terao: Die Qualität des erzeugten Luftstroms ist der größte Unterschied. Bei herkömmlichen Ventilatoren wirbelt die abgegebene Luft typischerweise umher. Aufgrund dieser Wirbelbewegungen fühlt sich die Luft hart an, wenn sie auf den Körper trifft. Eine natürliche Brise hingegen fließt in einer breiten Masse ohne wirbelnde Effekte.

Der „The GreenFan“ verwendet eine patentierte Technologie, bei der das innere Blatt des Lüfters die Luft langsam abgibt und nur das äußere Blatt schnell arbeitet. Die langsamen und schnellen Luftströme kollidieren an einem Punkt, der den Wirbel aufbricht und die Luft in eine breite Masse verwandelt. Dies ist das Geheimnis der natürlichen und beruhigenden Brise, die der „The GreenFan“ erzeugt.

Zusätzlich ist der „The GreenFan“ sehr leise und energieeffizient. Auf der niedrigsten Stufe sind es nur 13 Dezibel, was der Lautstärke der Flügelschläge von zwei Schmetterlingen entspricht, und er verbraucht nur 1,5 Watt. Dies liegt an dem bürstenlosen Gleichstrommotor und daran, dass die Gestaltung jedes noch so kleinen Details bei den Einzelteilen auf Untersuchungen des Luftwiderstands beruhen.

Red Dot (6): Was war Ihr Ziel als Sie den „The GreenFan“ realisierten?

Gen Terao: Das Ziel war es ein modernes Gerät zu erschaffen, von dem die Menschen profitieren. Vor dem „The GreenFan“ entwickelte BALMUDA hochwertige Schreibtischleuchten. Aber, die durch den Konkurs der Lehman Brothers ausgelöste Finanzkrise hat uns schwer getroffen.

Eines Tages kam ich an einem Restaurant vorbei und sah durch das Fenster eine glückliche Familie beim Abendessen. Ich war schockiert, weil in den Nachrichten Tag für Tag über die Wirtschaftskrise gesprochen wurde und ich selbst davon betroffen war. Aber selbst zu dieser Zeit gab es Menschen, die ihre Zeit und ihr Geld für ein Abendessen mit der Familie im Restaurant ausgeben konnten. Es traf mich, dass der Abverkauf meiner Produkte durch die Wirtschaftskrise stagnierte, weil sie keiner brauchte.

Zu dem Zeitpunkt war ich mir bewusst, dass BALMUDA in ein paar Monaten untergehen würde. Aber ich dachte mir: „Wenn wir untergehen sollten, können wir auch erhobenen Hauptes untergehen.“ und ich beschloss ein Projekt zu starten, an dem ich schon immer interessiert war und von dem ich dachte, dass es den Menschen nützen würde – und das war die Entwicklung eines wirklich guten Ventilators. Der Ventilator war ein Gerät, das seit etwa 100 Jahren nicht mehr erneuert wurde und das obwohl parallel die Bedenken hinsichtlich der globalen Erwärmung und der Energieversorgung längst in aller Munde waren.

Der wahre Zweck eines Ventilators ist es, kühle, angenehme Luft zu liefern, aber niemand hat versucht, die Luftqualität zu verbessern – darüber habe ich mich gewundert.

Red Dot (7): Welches waren die größten Herausforderungen bei der Entwicklung des „The GreenFan“?

Gen Terao: Technisch gesehen bestand die größte Herausforderung darin, eine natürliche Brise zu erzeugen. Ich wusste, dass die Lösung darin bestand, den Wirbel in der Luft zu eliminieren.

Gen Terao: In jungen Jahren trainierte ich in einer kleinen örtlichen Fabrik. Die Trainer dort hatten die Ventilatoren zur Wand ausgerichtet, weil sich die Luft angenehmer anfühlte, wenn sie zunächst gegen die Wand und dann wieder auf den Körper zurückprallte, weil so der Luftwirbel beseitigt werden konnte. Ich musste nur herausfinden, wie man einen Aufprall erzeugt, der das Wirbeln ohne eine Wand stoppen würde. Ich habe viele Bücher über Strömungsdynamik gelesen, aber es hat nicht viel geholfen.

Eines Tages sah ich eine Show im Fernsehen, in der 30 Kinder Seite an Seite mit aneinander gebundenen Füßen standen und ein „31-legged race“ machten. Ich bemerkte, dass die schnelleren Kinder zu den langsameren Kindern hingezogen wurden und am Ende kollidierten und zusammenfielen. Ich dachte, dass dies auch mit Luft möglich wäre und entwarf einen Ventilator, der langsame Luft und gleichzeitig schnelle Luft erzeugen könnte. Es funktionierte.

Die wesentlich größere Herausforderung war jedoch die Finanzierung. Ich hatte diese großartige Idee und die Technologie, um das Produkt zu realisieren, aber ich hatte nicht die Mittel für die Massenproduktion. Keine Bank wollte mir zu dieser Zeit Geld leihen – ich war pleite. Ich entschied mich den Prototypen einigen Käufern zu zeigen und Vorbestellungen für 2.000 Einheiten zu sammeln. Ich ging mit diesen Aufträgen in die Fabrik und überredete die Verantwortlichen, mir das Geld für die Produktion zu leihen. Ich bin den Menschen dankbar, die an den „The GreenFan“ geglaubt und meinen Traum damals unterstützt haben.

Red Dot (8): Wenn wir auf den Preis schauen, dann wirkt dieser im ersten Moment sehr hoch, wenn wir diesen mit anderen Preisen für Ventilatoren vergleichen. Was denken Sie sind die drei wichtigsten Argumente für den Preis und damit für den Kauf des „The GreenFan“?

Gen Terao: Natürlich gibt es eine Menge Technologie und mechanische Aspekte, die den Preis rechtfertigen würden, aber damit möchte ich nicht argumentieren. Ich möchte nur ein Argument geben bzw. eine Gegenfrage stellen:

Welchen Preis würden Sie für einen wirklich komfortablen Sommer bezahlen? Um eine erfrischende natürliche Brise in Ihrem Zimmer zu haben … in einer heißen Sommernacht gut zu schlafen und dabei nicht durch das störende Summen eines Ventilators gestört zu werden und eine sanfte Brise zu erhalten, die einem schlafenden Baby gut tut….was denken Sie?

Red Dot (9): Bislang hat Ihr Produkt in Asien schon großen Anklang gefunden. Auf dem europäischen Markt ist es noch recht neu. Was denken Sie, sagen die Europäer über das Produkt?

Gen Terao: Unabhängig von den Regionen oder der Kultur kann sich jeder vorstellen oder daran erinnern, wie erfrischend eine sanfte, natürliche Brise an einem heißen Sommertag ist. Die Werte, die der „The GreenFan“ liefert, sind universell und ich denke, dass er in allen Ländern gut ankommen wird.

Red Dot (10): Welche Trends verfolgen Sie aktuell?

Gen Terao: In Deutschland haben wir nur einige unserer Produkte im Bereich der Belüftungstechnologien eingeführt, sind dafür aber 2015 in den Küchenmarkt in Japan vorgedrungen, wo wir bald unserer dritten Produktlinie einführen werden. Das ist das einzige, was ich im Moment dazu sagen kann.

Und: Seit einiger Zeit forschen wir auch mit IOT und Robotik, die Sie mit Sicherheit in Zukunft bei unseren Produkten wiederfinden werden.

Red Dot (11): Wie erhalten Sie sich Ihre Work-Life-Balance?

Gen Terao: Ich mag Aufregung, also trainiere ich drei Tage die Woche in einer Boxhalle, im Winter gehe ich jedes Wochenende Ski fahren und seit kurzem fange ich wieder an zu komponieren und zu musizieren. Aber von allen Aktivitäten finde ich meine Arbeit am aufregendsten. Nichts ist so faszinierend, herausfordernd oder treibt mich mehr an, um kreativ zu sein. Kurz gesagt, mein Job bei BALMUDA ist das, was ich am liebsten mache. Ich bin glücklich, weil Arbeit und Leben für mich keine getrennten Dinge sind und ich nicht das Bedürfnis verspüre, die beiden Bereiche ausgleichen zu müssen.

Red Dot (12): Welches Produkt würden Sie gerne einmal realisieren?

Gen Terao: BALMUDA hat mit der Entwicklung von designorientiertem Desktopzubehör begonnen. Jetzt stellen wir Haushaltsgeräte her. Das erste Gerät war der „The GreenFan“. Später ergänzten wir einen Luftreiniger und einen Luftbefeuchter. Und im Jahr 2015 haben wir mit unserem Toaster in die Kategorie „Küche“ Einzug erhalten. In diesem Jahr planen wir in einer neuen Kategorie im Bereich der Haushaltsgeräte Fuß zu fassen.

Es liegt in meiner Natur, dass ich gerne neue Dinge erfinde. Ich werde mich wahrscheinlich weiter der Herausforderung stellen Produkte zu entwickeln, die anders sind als andere. Aufgrund dieser Eigenschaft weiß ich ehrlich gesagt nicht, welche Produkte wir in zehn Jahren bei BALMUDA kreieren werden.

Welches Produkt es auch immer sein wird, wir werden es mit dem Ziel entwickeln, eine „Sache“ zu erschaffen, die für den Benutzer unvergessliche Momente darstellen wird. Zum Beispiel: Eine Familie hat für einen Sonntagsbrunch den Toast mit unserem Toaster zubereitet – das Essen schmeckt und alles ist wunderbar. Durch das gute Essen entstehen ebenso gute Gespräche, eine gute Atmosphäre und ein paar glückliche Momente. So müssen Sie es sich vorstellen: durch meine Entwicklungen möchte ich wirklich unvergessliche Momente für die Kunden schaffen.

Red Dot (13): Wie lautet Ihr Motto?

Gen Terao: „Das Leben ist kurz“ und „Gib niemals auf!“ – Ich habe diese zwei sehr wichtigen Dinge durch meine Eltern gelernt.

Ich war 14 Jahre alt, als meine Mutter starb und ich anfing zu verstehen, dass das Leben nicht unendlich ist. Egal, wie sehr wir das Leben schätzen, es gibt ein Ende. Deshalb müssen wir uns bemühen, den heutigen Tag zu genießen. Mein Vater hat mich durch sein Leben gelehrt, dass man, egal auf welche Hindernisse man trifft, immer etwas erreichen kann, solange man nicht aufgibt.

Das kurze Leben zu genießen und niemals aufzugeben, bis man einen Erfolg hat – das sind meine zwei Lebensmottos.

Veröffentlicht am 06.07.2018

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