Interview mit Arman Emami

Sie sind bereits seit vielen Jahren als Designer erfolgreich und begeistern immer wieder mit innovativen Designs. Woher nehmen Sie Ihre Ideen?

Zuallererst muss man neugierig sein, um überhaupt die Probleme zu erkennen. Dann bleibt nur noch, für das Problem eine gute Lösung zu finden. Dafür benötigt man eine Prise Kreativität und eine gesunde Mischung aus logischem Denken und Intuition. Die Intuition liefert hierbei die kreativen Lösungsansätze, während die Logik überprüft, ob mit diesen Lösungen die Kriterien, wie zum Beispiel Produzierbarkeit oder Vermarktbarkeit, erfüllt werden können. Das Ganze wiederholt man dann so lange, bis eine perfekte Lösung gefunden ist. Danach beginnt die Gestaltungsphase. Hier geht es nur noch darum, der Idee eine schöne und passende Form zu geben und sie mit Geschmack umzusetzen. Und genau diese Schritte sind in dem Buch sehr kurzweilig erklärt.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, denn Geschmäcker sind einfach verschieden. Trotzdem kommen Ihre Designkonzepte bei vielen gut an. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Über Geschmack sollte man vielleicht nicht unbedingt streiten, aber diskutieren sollte man schon, vor allem als Designer. Das stimmt zwar, dass Geschmäcker unterschiedlich sind. Ich glaube aber, dass die Ästhetik universell und sogar „übermenschlich“ ist. So etwas wie der „Goldene Schnitt“ ist in der Natur vorhanden und definitiv nicht von Menschen erfunden. Deshalb bin ich der Meinung, dass eine objektive Definition der Schönheit existiert, unabhängig von unserer subjektiven und individuellen Wahrnehmung der Ästhetik. Ich denke, je mehr man sich den objektiven Werten der Ästhetik annähert, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit einer Übereinstimmung in der Wahrnehmung der einzelnen Individuen. Doch Ästhetik allein reicht nicht aus, um den Nerv der Mehrheit zu treffen. Auch der Grad der Innovation istbedeutend, wenn es darum geht, ob etwas gefällt oder nicht. Denn wenn Alltagsprobleme innovativ durch ein Produkt gelöst werden, wirkt das Produkt neben der Ästhetik auch durch die innovative Lösung insgesamt attraktiver für den Konsumenten. Wenn die Menschen sehen, dass ein Produkt durch Innovation ihren Alltag erleichtert, dann finden sie auch das Produkt gut und wollen es haben.

Erfolgreicher Produktdesigner und jetzt auch Autor – das klingt nach viel Arbeit. Wie entspannen Sie sich in Ihrer Freizeit, um wieder Kraft für neue Innovationen zu schöpfen?

Ehrlich gesagt, ich bin Produktdesigner geworden, weil es mir extrem leichtfiel. Dazu kommt, dass es mir auch vielleicht genau deshalb sehr viel Spaß macht. Ich mache es aus Leidenschaft, daher sehe ich das gar nicht als „Arbeit“ und trenne es auch nicht von meiner Freizeit. Also ich designe auch in der Freizeit – zumindest im Kopf. Was aber Entspannung angeht, so gibt es sicherlich sehr viele interessante Möglichkeiten. Im Moment bin ich dabei, ein Drehbuch zu schreiben …

In Ihrem neuen Buch „360° Industrial Design“ erläutern Sie die Grundlagen analytischer Produktgestaltung. Ist innovatives Design tatsächlich erlernbar?

Nur bedingt. Natürlich kann man vieles erlernen oder sich antrainieren, aber nicht alles. Es gibt viele „Kreativitätstechniken“, von Brainstorming bis Kopfstandtechnik. Diese Methoden können natürlich helfen, auf neue Ideen oder Lösungsansätze zu kommen. Das ist allerdings nicht ausreichend, für den Rest sind Ihre Gene zuständig. Begabung alleine reicht aber auch nicht aus. Im Grunde genommen muss beides stimmen. Das ist wie beim Sport: Wenn Sie nicht oft genug trainieren, dann werden Sie keinen Erfolg haben. Allerdings sollte man mit einer angeborenen Neigung zum Bandscheibenvorfall lieber die Finger vom Gewichtheben lassen.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Funktionalität, Ästhetik, Material, Ökonomie und Marketing als die Grundpfeiler eines guten Designkonzeptes. Welcher dieser Aspekte hat Ihrer Ansicht nach das meiste Gewicht?

Es ist, als ob Sie Eltern fragen, welches ihrer Kinder sie mehr mögen. Alle diese Aspekte sind wichtig. Bei den Produkten, im Gegensatz zu den Menschen, reicht Schönheit alleine nicht aus. Ein schönes Gerät, das nicht funktioniert, istsalopp formuliert „Müll“ und keiner will es haben. Aber Funktionalität alleine „funktioniert“ auch nicht mehr. Unsere Welt entwickelt sich rasant, und mit jeder Sekunde wird sie komplexer. Wer das Design von Produkten nachhaltig verbessern will, muss das große Ganze betrachten – und multidisziplinär optimieren.

Wo sehen Sie die Grenzen der Produktgestaltung?

Kurz- und mittelfristig werden die Grenzen etwas enger. Unsere knapper werdenden Ressourcen und der intensive Konkurrenzkampf zwingen das Produktdesign zu einer multidisziplinären Entwicklung. Wenn man sich vorstellt, wie die Gestaltung die Produktionsmethoden und somit den Materialverbrauch und die CO2-Bilanz bei der Produktion beeinflusst oder wie die Marketingaspekte über den Erfolg oder Misserfolg eines Produktes auf dem Markt entscheiden, dann weiß man, dass die Zeiten dekorativer und willkürlicher Gestaltung bald vorbei sind. Das bedeutet zuerst einmal zusätzliche Einschränkungen. Langfristig wiederum sieht es etwas besser aus. Durch Entwicklung der Technik und Wissenschaft wird es immer mehr Möglichkeiten geben. Die Grenzen der Machbarkeit verschieben sich durch die Entwicklung moderner, umweltfreundlicher Materialien und hocheffizienter Produktionsmethoden. Dann bleiben nur noch die Grenzen der Fantasie – und wie es so schön heißt: Die menschliche Fantasie kennt keine Grenzen.

Ihr neues Buch soll ein praxisorientierter Ratgeber für Designprofis sein. Ist es für Sie wichtig, Ihre Erfahrungen und Ihr Wissen weiterzugeben?

Das hat weniger mit „Mitteilungsbedürfnis“ zu tun. Ursprünglich wollte ich eigentlich meine eigenen Gedanken und Erfahrungen besser sortieren, damit alle Aspekte übersichtlich gegliedert sind und man sich nicht in den Details verliert. Und das war tatsächlich so. Vieles ist mir in dem Enstehungsprozessklarer geworden und das Gesamtbild hat sich verschärft. Hinzu kommt, dass ichsehr gern Geschichten erzähle. Natürlich will ich auch gerne meine Erfahrungen mit den anderen Designern teilen, aber wenn man sich vor Augen führt, wie schnell sich alles entwickelt, dann kann man sich auch sehr gut vorstellen, dass eines Tages alles, was wir von uns geben, trivial und wahrscheinlich überholt sein wird. Trotzdem denke ich, dass man bei der Produktentwicklung anders vorgeht, nachdem man das Buch gelesen hat.

Zu guter Letzt: Was macht für Sie gutes Design aus?

Wenn Sie eine konkrete und ausführliche Antwort haben wollen: Sie steht in dem Buch. Wenn Sie aber eine unkonkrete und plakative Antwort in der Politikersprache haben wollen, dann würde ich sagen: Wenn das Produkt Freude im Leben bringt und das Leben schöner und einfacher macht – dann ist alles gut.

Vielen Dank für das Interview!

360° Industrial Design

Veröffentlicht am 22.05.2017

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